Nationaler Normenkontrollrat

Stellungnahme des Nationalen Normenkontrollrates

Stellungnahme des NKR zum Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und weiterer energierechtlicher Vorschriften

NKR-Stellungnahme Nr. 5454 vom 29. September 2020
an das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) gemäß § 6 Absatz 1 des Gesetz zur Einsetzung eines Nationalen Normenkontrollrates (NKR-Gesetz)

Eine periodische Evaluierung des EEG ist gesetzlich vorgegeben. Der nächste Erfahrungsbericht ist für das Jahr 2023 vorgesehen. Die Bundesregierung wird spätestens im Jahr 2027 einen Vorschlag zur Anpassung des Gesetzes vorlegen und dabei überprüfen, ob in absehbarer Zeit ein marktgetriebener Ausbau der erneuerbaren Energien zu erwarten ist. In diesem Fall wird die Bundesregierung einen Vorschlag für eine Befristung der Förderung und den Umstieg auf einen marktgetriebenen Ausbau vorlegen.Der Nationale Normenkontrollrat hat den Entwurf des oben genannten Regelungsvorhabens geprüft.

I. Zusammenfassung

Bürgerinnen und Bürger
Keine Auswirkungen
Wirtschaft
Jährlicher Erfüllungsaufwand:
1,4 Mio. Euro
davon aus Informationspflichten:
730.000 Euro
Einmaliger Erfüllungsaufwand:
340.000 Euro
Verwaltung
Bund
Jährlicher Erfüllungsaufwand:
2,4 Mio. Euro
Weitere Prüfkriterien
'One in one out'-RegelIm Sinne der ‚One in one out‘-Regel der Bundesregierung stellt der jährliche Erfüllungsaufwand der Wirtschaft in diesem Regelungsvorhaben ein „In“ von rund 1,4 Mio. Euro dar.
Evaluierung
Eine periodische Evaluierung des EEG ist gesetzlich vorgegeben. Der nächste Bericht ist für das Jahr 2023 vorgesehen.
Ziele:
Anteil des aus erneuerbaren Energien erzeugten Stroms am Bruttostromverbrauch von 65 Prozent im Jahr 2030; Treibhausgasneutralität des im Bundesgebiet verbrauchten oder erzeugten Stroms vor 2050
Kriterien:
Anteil des aus erneuerbaren Energien erzeugten Stroms am Bruttostromverbrauch; Vermiedene Treibhausgas-Emissionen durch die Bruttostromerzeugung aus erneuerbaren Energien 
Datengrundlage:
Daten der Bundesnetzagentur als ausschreibende Behörde, des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle und des Umweltbundesamtes
Ergebnis der Prüfung durch den NKR--Nationaler Normenkontrollrat
Der Nationale Normenkontrollrat erhebt im Rahmen seines gesetzlichen Auftrags keine Einwände gegen die Darstellung der Gesetzesfolgen in dem vorliegenden Regelungsentwurf.
Die Fristsetzung und somit die Beteiligung von Ländern, kommunalen Spitzenverbänden, Fachkreisen, Verbänden wie auch dem NKR ist demgegenüber äußerst kritikwürdig. Für die ursprüngliche Beteiligung innerhalb der Bundesregierung betrug diese Frist sieben Tage und der endgültige, konsentierte Entwurf lag selbst am Tage vor dem Kabinetttermin nicht vor. Es handelt sich hier um ein komplexes Regelwerk, das zwingend novelliert werden muss. Dies war bereits lange bekannt.
Diese Vorgehensweise entspricht in keiner Weise der Gemeinsamen Geschäftsordnung der Bundesministerien und den Prinzipien Besserer Rechtsetzung. Die Beteiligten sind im Rahmen dieser kurzen Fristen nicht in der Lage, den Regelungsentwurf ausreichend zu prüfen und der NKR dadurch einer Situation ausgesetzt, die ihn in der Ausübung seines Mandats erheblich eingeschränkt. Aus diesem Grund konnte er erstmalig seine Stellungnahme nicht zum Kabinetttermin abgegeben, sondern erst im Nachgang. Der NKR erwartet von allen Beteiligten, dass sich so ein Vorgehen nicht wiederholt.
 

II. Im Einzelnen

Mit dem Regelungsvorhaben soll das geltende Erneuerbare Energie Gesetz (EEG2017) im Hinblick auf das langfristige Ziel der Treibhausgasneutralität bis 2050 fortgeschrieben und weiterentwickelt werden. Für die Stromversorgung wird dieses Ziel in dem Gesetz erstmals ausdrücklich verankert. Mit dem Regelungsvorhaben wird auch ein neuer Rechtsrahmen für die Erneuerbare-Energien-Anlagen geschaffen, deren 20-jähriger Vergütungszeitraum ab 2021 ausläuft.

Das Regelungsvorhaben sieht folgende konkrete Maßnahmen vor:

Aus dem Ziel des Klimaschutzprogramms, im Jahr 2030 einen Anteil erneuerbarer Energien am Stromverbrauch von 65 Prozent zu erreichen, werden neue jährliche Ausbaupfade und Ausschreibungsmengen abgeleitet und festgelegt:

  • Steigerung der installierten Leistung von Windenergieanlagen an Land auf 71 Gigawatt im Jahr 2030,
  • Steigerung der installierten Leistung von Solaranlagen auf 100 Gigawatt im Jahr 2030 und
  • eine installierte Leistung von Biomasseanlagen von 8.400 Megawatt im Jahr 2030.

Um Kosten zu reduzieren werden die Höchstwerte in den Ausschreibungen für Wind an Land und für Photovoltaik angepasst, der sogenannte „atmende Deckel“ bei der Photovoltaik flexibilisiert und der Wettbewerb bei den Ausschreibungen für Solaranlagen durch eine Erweiterung des Korridors für förderfähige Anlagen entlang von Autobahnen und Schienenwegen erhöht. Darüber hinaus werden Schwellenwerte bei der Besonderen Ausgleichsregelung angepasst, um zu verhindern, dass Unternehmen aus der Regelung herausfallen.

Zur Steigerung der Akzeptanz für den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien werden Kommunen an den Erträgen neuer Windenergieanlagen durch den Abschluss eines Vertrages zwischen dem Anlagebetreiber und der Standortgemeinde beteiligt. Bei der Photovoltaik werden die Rahmenbedingungen für sogenannte „Mieterstrom“ durch die Einführung von eigenen Sätzen für die anzulegenden Werte beim Mieterstromzuschlag verbessert.

Die Netz- und Marktintegration soll unter anderem durch folgende Maßnahmen gestärkt werden:

  • Um die Netzengpässe in der Mitte Deutschlands zu beheben und Stromerzeugung in Süddeutschland zu fördern wird eine sogenannte „Südquote“ bei den Ausschreibungen eingeführt (15 Prozent bis 2023 und 20 Prozent ab 2024 für Windenergieanlagen an Land sowie 50 Prozent für Biomasseanlagen).
  • Die gleitende Marktprämie wird von einer monatlichen auf eine jährliche Referenzperiode umgestellt. Damit werden Anreize gesetzt, Strom zu den Zeiten zu produzieren und vermarkten, zu denen die höchsten Preise zu erwarten sind.
  • Für Neuanlagen wird die Vergütung bei negativen Börsenpreisen abgeschafft.

Betreiber von Anlagen, deren Vergütungszeitraum ab 2021 ausläuft, werden übergangsweise erzeugten Strom bis Ende 2027 auch dem Netzbetreiber zur Verfügung stellen und dafür eine Einspeisevergütung erhalten können.

Durch einen neuen Besonderen Ausgleichstatbestand für den Landstrombezug von Seeschiffen sollen wirtschaftliche Anreize zur Inanspruchnahme der alternativen Strom-versorgung geschaffen werden.

II.1 Erfüllungsaufwand

Den Bürgerinnen und Bürgern entsteht kein zusätzlicher Erfüllungsaufwand.

Wirtschaft

Der Wirtschaft entsteht zusätzlicher laufender Erfüllungsaufwand von rund 1,4 Mio. Euro. Davon entfallen rund 730.000 Euro auf Bürokratiekosten aus Informationspflichten.

Aus den neuen Ausschreibungsmengen sowie aus den Anpassungen beim Ausschreibungsverfahren entstehen zusätzliche Be- und Entlastungen für die Bieter:

  • Bei Windenergieanlagen rechnet das Ressort mit einer Fallzahl von insgesamt 790 Geboten pro Jahr. Für zusätzliche Gebote und Vertragsangebote an die Standortgemeinde erwartet das Ressort einen zusätzlichen Erfüllungsaufwand von rund 98.000 Euro pro Jahr. Aus vereinfachten Anforderungen an Gebote entsteht eine Entlastung von rund 16.000 Euro. Im Saldo ergibt sich daraus laufender Erfüllungsaufwand von rund 82.000 Euro.
  • Für Solaranlagen des zweiten Segments geht das Ressort von jährlich etwa 2.000 Geboten für Anlagen auf Gebäuden und etwa 500 auf Freiflächen aus. Aus zusätzlichen Ausschreibungen für Solaranlagen auf Gebäuden entsteht laufender Erfüllungsaufwand von rund 523.000 Euro. Das angepasste Ausschreibungsverfahren führt dagegen zu einer Entlastung von rund 49.000 Euro. Im Saldo entsteht für Solaranlagen laufender Erfüllungsaufwand von rund 473.000 Euro.
  • Aus den neuen Anforderungen an etwa 620 Gebote für Biomasseanlagen pro Jahr entsteht laufender Erfüllungsaufwand von im Saldo rund 132.000 Euro. Für geschätzt 380 zusätzliche Gebote für Biomethananlagen in südlichen Landkreisen wird zusätzlicher jährlicher Erfüllungsaufwand von 92.000 Euro erwartet. Insgesamt entsteht für Biomasseanlagen Erfüllungsaufwand von rund 224.000 Euro pro Jahr.

Aufgrund der neuen Ausstattungspflicht für Anlagen ab 1 kW installierter Leistung werden geschätzt 6.000 Anlagen neu mit Smart-Meter-Gateways ausgestattet werden müssen. Das Ressort geht von einem Entgelt für die Ausstattung von bis zu 100 Euro pro Jahr aus. Den Anlagenbetreibern entstehen daraus jährliche Kosten von insgesamt 600.000 Euro.

Darüber hinaus werden Unternehmen durch die gesunkenen Anforderungen an die Zertifikatseinreichung bei dem Antrag auf Begrenzungsbescheid für stromkostenintensive Unternehmen um rund 42.000 Euro pro Jahr entlastet.

Aus der Nachweispflicht zur EEG-Umlage bei Landstromanlagen entsteht bei geschätzt 55 Fällen pro Jahr und einem Zeitaufwand von 15 Stunden pro Fall zusätzlicher laufender Erfüllungsaufwand von 66.000 Euro.

Für die Betreiber der Windenergieanlagen entsteht einmaliger Erfüllungsaufwand aus der Erstellung von Verträgen für die Beteiligung der Standortgemeinde. Bei einer Fallzahl von geschätzt 700 Anlagen und einer Bearbeitungszeit von 5 Stunden pro Fall entsteht einmaliger Erfüllungsaufwand von rund 281.000 Euro.

Für die neuen Innovationsausschreibungen wird eine Einarbeitungszeit von acht Stunden pro Gebot erwartet. Daraus entsteht einmaliger Erfüllungsaufwand von rund 55.000 Euro.
 

Verwaltung (Bund)

Für die Bundesverwaltung entsteht laufender Erfüllungsaufwand von insgesamt rund 2,4 Mio. Euro.

Bei der Bundesnetzagentur (BNetzA) entsteht zusätzlicher Erfüllungsaufwand für das Ausschreibungsverfahren von

  • rund 63.000 Euro pro Jahr für Windenergieanlagen,
  • rund 1,2 Mio. Euro pro Jahr für Solaranlagen des zweiten Segments und
  • rund 66.000 Euro pro Jahr für Biomasseanlagen.

Der BNetzA entsteht ferner laufender Erfüllungsaufwand für die Führung des Marktstammdatenregisters. Das Ressort geht nachvollziehbar davon aus, dass die neuen Ziele durch den zunehmenden Ausbau kleiner und kleinster EE-Anlagen erreicht werden. Daraus entsteht zusätzlicher Registrierungs- und Prüfaufwand in Verbindung mit den geschätzt 100.000 zusätzlichen Anlagen pro Jahr. Für die Unterstützungsleistungen bei der Registrierung von Anlagen und Anlagenbetreibern, Durchführung von Netzbetreiberprüfungen, Datenanfragen und Qualitätssicherung wird laufender Erfüllungsaufwand von 414.000 Euro erwartet.

Dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) entsteht laufender Erfüllungsaufwand in Verbindung mit der Besonderen Ausgleichsregelung. Aus dem geringeren Prüfungsaufwand bei dem Nachweis für Begrenzungsbescheid für stromkostenintensive Unternehmen sowie der zusätzlichen Prüfung des Nachweises zur Begrenzung der EEG-Umlage bei Landstrom ergibt sich im Saldo ein jährlicher Erfüllungsaufwand von 78.000 Euro.

Für die Abstimmung der Clearingstellenverfahren mit der Bundesnetzagentur sowie zusätzliche Anfragen wird laufender Erfüllungsaufwand von rund 100.000 Euro erwartet.

Aus der Einsetzung eines Kooperationsausschusses der zuständigen Staatssekretärinnen und Staatssekretäre der Länder und des Bundes entsteht dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie jährlicher Erfüllungsaufwand von rund 460.000 Euro.
 

II.2 Weitere Kosten

Das Ressort rechnet mit keiner spürbaren Änderung der Kostenbelastung durch die EEG-Umlage.

Die Ausweitung der geförderten Strommenge wirkt sich belastend auf die EEG-Umlage. Gleichzeitig sinken aber die spezifischen Förderkosten, z.B. durch das Ausscheiden von vergleichsweise teuren Altanlagen. Das Ressort erwartet zudem, dass Börsenstrompreise kurz- und mittelfristig steigen werden unter anderem aufgrund der Erholung der Börsenstrompreise nach der COVID-19-Pandemie und der Preissteigerungen beim europäischen Emissionshandelssystem. Steigende Börsenstrompreise führen in der Regel zu einer Entlastung bei der EEG-Umlage.

Aufgrund der Anpassungen bei der Besonderen Ausgleichsregelung können möglicherweise neue Antragsteller hinzukommen oder Unternehmen, die bereits eine Begünstigung erhalten, ihren Begünstigungsumfang erweitern. Da Stromkostenintensität von den Strompreisen abhängig ist, geht das Ressort davon aus, dass der Kreis der antragsberechtigten Unternehmen nur in geringem Umfang erweitert wird. Laut Ressort könnte dies die EEG-Umlage höchstens in der zweiten Nachkommastelle beeinflussen.

Bei dem neuen Tatbestand für Landstrom für die Seeschifffahrt in der Besonderen Ausgleichsregelung handelt es sich überwiegend um neue Stromverbraucher und EEG-Umlagezahler mit relativ überschaubaren Stromverbrauchsmengen. Das Ressort geht nachvollziehbar davon aus, dass entstehende Mehrkosten überwiegend durch die von den Landstrombeziehern zu tragende EEG-Umlage gedeckt würden.

II.3 ‚One in one Out‘-Regel

Im Sinne der ‚One in one out‘-Regel der Bundesregierung stellt der jährliche Erfüllungsaufwand der Wirtschaft in diesem Regelungsvorhaben ein „In“ von rund 1,4 Mio. Euro dar.

II.4 Evaluierung

Eine periodische Evaluierung des EEG ist gesetzlich vorgegeben. Der nächste Erfahrungsbericht ist für das Jahr 2023 vorgesehen. Die Bundesregierung wird spätestens im Jahr 2027 einen Vorschlag zur Anpassung des Gesetzes vorlegen und dabei überprüfen, ob in absehbarer Zeit ein marktgetriebener Ausbau der erneuerbaren Energien zu erwarten ist. In diesem Fall wird die Bundesregierung einen Vorschlag für eine Befristung der Förderung und den Umstieg auf einen marktgetriebenen Ausbau vorlegen.

III. Ergebnis

Der Nationale Normenkontrollrat erhebt im Rahmen seines gesetzlichen Auftrags keine Einwände gegen die Darstellung der Gesetzesfolgen in dem vorliegenden Regelungsentwurf.

Die Fristsetzung und somit die Beteiligung von Ländern, kommunalen Spitzenverbänden, Fachkreisen, Verbänden wie auch dem NKR ist demgegenüber äußerst kritikwürdig. Für die ursprüngliche Beteiligung innerhalb der Bundesregierung betrug diese Frist sieben Tage und der endgültige, konsentierte Entwurf lag selbst am Tage vor dem Kabinetttermin nicht vor. Es handelt sich hier um ein komplexes Regelwerk, das zwingend novelliert werden muss. Dies war bereits lange bekannt.

Diese Vorgehensweise entspricht in keiner Weise der Gemeinsamen Geschäftsordnung der Bundesministerien und den Prinzipien Besserer Rechtsetzung. Die Beteiligten sind im Rahmen dieser kurzen Fristen nicht in der Lage, den Regelungsentwurf ausreichend zu prüfen und der NKRdadurch einer Situation ausgesetzt, die ihn in der Ausübung seines Mandats erheblich eingeschränkt. Aus diesem Grund konnte er erstmalig seine Stellungnahme nicht zum Kabinetttermin abgegeben, sondern erst im Nachgang. Der NKR erwartet von allen Beteiligten, dass sich so ein Vorgehen nicht wiederholt. 

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